Langes Seil, schneller Tod – eine Rezension von Dr. Mark Benecke

Dies ist eine Nerd-, also Spezialistenarbeit, die sich nahezu ohne Abschweife auf strafrechtliche Erhängungen in Großbritannien bezieht und freiwillig beschränkt. Der Ton im Buch ist, dem Sujet durchaus angemessen, nüchtern und streng, manchmal sogar sehr streng: “Völlig sinnlos” und “Das sind fünf sachliche Fehler in drei Sätzen. Schade”, ärgert sich der Autor beispielsweise über einen in der Tat etwas quellenfernes Statement des früheren Leiters des Institutes für Rechtsmedizin der Universität Göttingen.

Doch schneidende Klarheit ist nötig, gab es doch jahrzehntelangen Streit um die Berechnung der Fallhöhe abhängig vom Gewicht des zu Erhängenden (und, für erfahrene Henker, auch abhängig von der Muskelkraft des Halses): Darüber zankten sich die Beteiligten, sprich die Erhängenden, sogar Monate und länger in medizinischen Fachzeitschriften, oft ohne gute experimentelle Grundlagen.

Mit welcher Gründlichkeit der Autor dieses Buches wirklich alle Berichte durchgearbeitet hat, erkennt man nicht nur daran, dass er die Vor- und Nachnamen der Henker selbst nach Umbenennungen und interhenkerfamiliären Tricksereien richtig zuordnet, sondern auch an von anderen leicht übersehbaren Details wie Vierteldrehungen des Seiles und der daraus folgenden Knotenlage am Hals des Sterbenden oder der Lage eines Fensters in einem mittlerweile abgerissenen ‘Zuchthaus’flügels in Hameln, von dem nur noch ein Foto sowie die Skizze einer einzelnen Etage existieren.

Prima finde ich, dass das Buch, auch gegen Ende, noch einmal gründlich mit der Annahme aufräumt, dass bei Erhängungen grundsätzlich ein Genickbruch einträte und dazu auf eine Exhumierung sowie, sogar recht gründlich, politische Vertuschungen beispielsweise auf dem Weg zwischen Sheriffs und dem Ministerium verweist.

Kurze, nicht wertende oder psychologisierende Anmerkungen, die zeigen, dass die Henker von ihrer Arbeit traumatisiert und regelmäßig Alkoholiker werden (einer kündigte sogar und verließ das Land), finden sich en passant ebenfalls im Buch. Recht so.

Das Ganze ist ordentlich so bebildert, dass zumindest keine Fragen der Art offen bleiben, wie eine Umlenkung der Kraft gegen das Kinn durch einen Zusatzapparat aussehen müsste oder wie man sich die ins Seil eingeflochteten Ösen vorstellen soll. Viele der angegebenen Details hatte ich noch nie gehört, beispielsweise, dass die Verlängerung der staatlich standartisierten Seile (und dass es solche überhaupt gab) durch bereits am Quer-Balken angebrachte Ketten erfolgen konnte. Auch für den Hinweis nebst Abbildung auf Dudgeons Sphygmographen zur Messung des Pulses mit einem mechanischen Mini-Gerät gleich am Handgelenk fand ich erquicklich. Vom Würgegalgen mit eingeseiftem Seil wusste ich bislang ebenfalls noch nichts.

Was das Buch nicht liefern möchte und auch nicht liefert, sind rechtsmedizinische oder spurenkundliche Details zu Erhängungen; diese finden sich — nur als Hinweis an Interessierte — in rechtsmedizinischen Fachbüchern. Dies hier ist eine historische Darstellung, in der allerdings Fehlerquellen wie das versehentliche Unterziehen der Haube des zu Erhängenden unter die Schlinge mit entsprechender Todesverzögerung durchaus vorkommen.

Was in einer Folge-Auflage des Buches (abgesehen von sehr wenigen, stets gleichen Tippfehlen in Form von fehlenden Leerzeichen zwischen Punkt und folgendem Satz) bitte unbedingt beigefügt werden sollte: Übertragungen der Tabellen in metrische Einheiten.

Es wird wohl kaum ein/e zentraleuropäischer Leser/in etwas mit stone/s, lbs/pounds/Pfund, feet und inches anfangen können, und erst recht nicht mit den für das ganze Buch entscheidenden ft-lbs. Da alle Zitate ohnehin ins Deutsche übertragen wurden, ist mir schleierhaft, warum nicht konsequent auch die Einheiten so angegeben werden, dass sie ohne ständige Umrechnung mit einem Taschenrechner während des Lesens verständlich sind. Grrrr!

Ungewöhnlich ist abgesehen davon nur noch die Anmerkung des Autors im Vorwort, dass er sich seiner Faszination für das Thema einst “schämte” und dies noch nachwirkt: “Ich hoffe, dass der Leser am Ende nicht den Eindruck haben wird, ich hätte ihm (…) ein schmutziges Buch in die Hand gelegt” — huch? Dieses Buch ist Meilen (pun intended) von jeder “schmutzigen” Merkwürdigkeit entfernt, und Traugott Vitz sollte zusammen mit seinem Verleger stolz darauf sein, dass er ein im deutschsprachigen Raum bisher nie zusammenhängend dargestelltes Kapitel über Todesstrafen detailreich zusammengebaut hat.

Notabene: Die Abschnitte zu Henkern im Krieg und der Todesstrafen-Gegnerin Violet Van der Elst sind etwas schwungvoller und ergänzen das sonst eher technisch-historische, aber stets sehr gut lesbare Buch angenehm.

Anders als viele vorige Titel des Kirchschlager-Verlages ist “Langes Seil, schneller Tod” kein Hardcover, sondern ein hochwertiges Softcover mit stabilem Umklappdeckel, der sich als Lese-Markierung gut eignet (ich habe es ausprobiert, passt wunderbar). Der Preis von knapp 15 Euro ist angemessen und fair; wäre das Ganze in einem wissenschaftlich Fachbuchverlag erschienen, würde es wohl das Fünf- bis Zehnfache kosten. Dazu fehlt hier aber, trotz sauber geführtem Quellen- und Zitate-Verzeichnis, ein Stichwortverzeichnis (Register). Auch dieses wünsche ich mir für die hoffentlich bald erscheinende, zweite Auflage des prima Buches.

Mark Benecke, Kriminalbiologe

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